Die bessere Hälfte

Auch wenn es mir 4 Monate zu spät aufgefallen ist: Derartiges verdient Beachtung. Olaf Scholz (SPD) erinnert sich in Zeiten der Krise an jene Reliqiuen der Sozialdemokratie, die seit 60 Jahren auf dem Friedhof von Godelsberg verrotten:

„Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur.“ Mit diesem Satz beginnt das Gothaer Programm von 1875, einer der Meilensteine auf dem Weg der deutschen Sozialdemokratie.

Dass eine Partei, die Reformen gegen die arbeitende Bevölkerung durchgesetzt hat, von denen Konservative nur zu träumen wagten, nun ihren Sozialismus von damals für das fröhliche Gemüt der Lohnarbeiter ausschlachten, verwundert nicht. Stimmung statt Wandel, der Krise mit Leistung begegnen, glückliches Elend statt trauriges, blabla usw. Schon damals ist bemerkt worden, dass sich der Einleitungssatz des Gothaer Programms (als „vorsichtige“ revolutionäre Schrift gedacht) für solche Zwecke gut verkaufen lässt:

Ein sozialistisches Programm darf aber solchen bürgerlichen Redensweisen nicht erlauben, die Bedingungen zu verschweigen, die ihnen allein einen Sinn geben. […] Die Bürger haben sehr gute Gründe der Arbeit übernatürliche Schöpfungskraft anzudichten; Denn grade aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, dass der Mensch, der kein anderes Eigentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der anderen Menschen sein muss, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingung gemacht haben. Er kann nur mit ihrer Erlaubnis arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubnis leben (Marx – Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei, MEW Band 19, S.15, Hervorhebungen i. O.)

Eben diese Gemeinheiten der „alten Welt“ scheint die Initiative für sich höchstpersönlich überwunden zu haben. Durch welches Gedankenkunststück, werden wir noch feststellen:

Arbeit als Quelle aller Kultur – eine revolutionäre Idee, war doch seit der Antike traditionell der breiten Masse des „Nährstands“ und den Sklaven die Arbeit und die Aufgabe materieller Versorgung des Gemeinwesens zugewiesen. Die Kultur – Bildung, musische oder künstlerische Betätigung, Wissenschaften, Philosophie und Politik – das war Sache des „Lehrstands“. Arbeit war dagegen eines freien Bürgers unwürdig.

Nun, heutzutage gehen natürlich ganz andere Leute ans Werk als die Lohnabhängigen. Nein, den Arbeitern von heute ist nicht die Aufgabe zugewiesen das Gemeinwesen zu versorgen. Nicht sie bestellen für den Profit die Felder, bauen die Straßen & produzieren die Autos, die keiner mehr haben will. Nein, einen solchen Stand, solche Sklaven, gibt es nicht mehr. Für die Versorgung des Gemeinwesens tut die ganze Gesellschaft was. Die Klassen sind aufgehoben, der Straßenkehrer liest Baudelaire, der Stahlarbeiter macht sich Gedanken über die Quantenmechanik und der Vorstand der deutschen Bank putzt seine Kongresstoiletten selbst.


Die Zeiten, in denen nur die Lohnarbeiter Hand anlegten, sind vorbei. Grundsteinlegung der Stadthalle Bitburg

Geht es um Kunst, so beherrscht der Deutsche eine ganz vortrefflich: Die Kunst Einbildung zu Wahrheit zu machen:

Arbeit als Quelle aller Kultur – das ist keine neue Sinnstiftung für eine alte kulturelle Ordnung. Darin liegt vielmehr ihre Auflösung und die Ausrufung eines neuen Selbstbewusstseins, eines neuen Freiheitsanspruchs.

So wie du es siehst, so sei es ! Eine neue Deutung ändert den Gegenstand, der gedeutet wird. Wird ein Gedicht interpretiert, vertauschen sich bekanntlich die Buchstaben. Dass die Welt vom Geist produziert wird, statt umgekehrt, „das ist natürlich auch ein sehr deutscher Gedanke“, ein Land, in dem es als Sieg des Volkes gefeiert wird, wenn sich der Begriff „Humankapital“ sprachlich nicht durchsetzt.

Jeder Politiker muss einmal auf den wahren Zweck seiner Rede kommen. Geschwätz um den neuen Zeitgeist, die deutsche Religionsgeschichte, das Blatt Papier von 1875, haben bisher keine Massen bewegt:

Arbeit moralisch nicht mehr abzuqualifizieren, sondern als kulturell wichtig zu begreifen, dieser Gedanke prägt uns bis heute. […] Die Arbeit um ihrer selbst willen gut machen zu wollen, das ist ein kultureller Wert, mit dem wir uns wirtschaftlich in die Weltspitze gearbeitet haben.

Arbeit ist moralisch wertvoll, gute Arbeit ist ein kultureller Wert, kulturelle Werte bringen einen an die Weltspitze. Gibt es mehr Wahrheit darüber, warum Moral gepredigt wird ? Er sagt’s ja völlig offen: „Arbeitnehmer, wie bestärken euch in eurem Idealismus, weil er den Firmen dieser Nation pures Geld einbringt“. Eine Leistung, einmal geschätzt in Mehrwert, einmal an sich geschätzt. Eine weiterer Zufall:

In unserem Erfolgsmodell „Soziale Marktwirtschaft“ ist eine humane Arbeitswelt mitmenschliches Gebot in einer solidarischen Gesellschaft und wirtschaftlicher Erfolgsfaktor zugleich

Was für ein Geständnis: Die „humane Arbeitwelt [ist] mitmenschliches Gebot und wirtschaftlicher Erfolgsfaktor zugleich“. Scholz vollbringt den Spagat alle Mitglieder des Beirats zufriedenzustellen. Moral für den Frank Bsirske, Geldsegen für Dieter Hundt.

wir wissen schon heute, dass Unternehmen, die ihre Beschäftigten in Entscheidungen mit einbeziehen und einen kooperativen Führungsstil pflegen, erfolgreicher sind als viele Konkurrenten. Es ist durch Studien belegt, dass gute Arbeitsbedingungen und Investitionen in den Ausbau der Fähigkeiten der Beschäftigten auch betriebswirtschaftlich zählbaren Ertrag bringen.

Darin ist eigentlich alles über den Zweck der humanen Arbeitswelt gesagt. Wär sie „human“ (was das schon wieder heißen soll) und brächte betriebswirtschaftlich nichts rein, gäb’s sie auch nicht. Für die Bedürfnisse der Arbeiterschaft wird gesorgt, wenn sie sich rechnen. Es braucht kein Studium der grauen Bände, um das zu verstehen. Ein beliebiger Politiker, der quasselt, reicht.


7 Antworten auf “Die bessere Hälfte”


  1. 1 Thiel Schweiger 31. Juli 2009 um 16:00 Uhr

    „Die Arbeit um ihrer selbst willen gut machen zu wollen, das ist ein kultureller Wert, mit dem wir uns wirtschaftlich in die Weltspitze gearbeitet haben.“

    Ja, das wussten auch schon die Nazis.

  2. 2 Überzeugter Antifa 31. Juli 2009 um 21:04 Uhr

    @thiel:
    HAMMER! Jetzt bin ich auch gegen die SPD!

  3. 3 Thiel Schweiger 01. August 2009 um 4:23 Uhr

    Freut mich.

  4. 4 Überzeugter Antifa 01. August 2009 um 8:05 Uhr

    @Thiel:
    Ich bitte um Abgleich mit deiner Nazidatenbank. Wer is auch noch alles wie die?
    Ich habe schon Amerika, Kapitalisten, die SPD, Palästina, Deutschland und Israel drin. Fehlt jemand?

  5. 5 helmut lampshade 01. August 2009 um 8:40 Uhr

    thiel hat mehrfach bewiesen, dass er kritisieren statt abgleichen kann. außerdem ist der satz ja richtig, selbst wenn er kein argument beinhaltet.

  6. 6 Thiel Schweiger 01. August 2009 um 17:45 Uhr

    Wo habe ich bitte die genannten Vergleiche angestellt? Wohl nur in deiner Traumwelt. Ich fands einfach nur interessant, dass sich die SPD wortwörtlich auf denselben Arbeitsethos wie die Nazis bezieht – dass man die Arbeit um ihrer selbst willen machen soll.

  7. 7 Überzeugter Faschist 03. August 2009 um 0:44 Uhr

    Die Nazis wollten das Arbeit um ihrer selbst willen geschieht? Dann will ich nichts mit diesen idioten zu tun haben!

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